Chancen

Es ist ein ambivalentes Gefühl, wenn man ins Ziel kommt, eine persönliche Bestleistung erreicht hat, für die WM 2027 erneut qualifiziert ist und diese Zehnprozent-Limite* wieder und wieder knapp verpasst. In den letzten Monaten schwebte das wie ein Damoklesschwert über mir.
Mein Fokus wechselte deswegen automatisch immer wieder auf die stärkste Athletin egal an welchem Rennen.

Zwei Wochen nach der WM stand «Triathlon Obernai» im Kalender. Ein Wettkampf, auf welchen ich nicht im geringsten Lust hatte. Denn ich war noch müde, von diesem grossen Event sowohl physisch wie auch psychisch. Hinzu kam, dass ich vergangenes Jahr in Obernai ein sehr schwieriges Rennen hatte. Ganz knapp entkam ich einer Unterkühlung. Weiter fragte ich mich: «Wie soll ich es schaffen, wenn ich vermutlich nur 90 Prozent meiner Leistungsfähigkeit aufgrund der Knieverletzung abrufen kann?»

Warum soll ich Obernai also machen?
Diese Frage stellten wir uns: Sven, Ramon (mein Coach) und Erman (mein Sportarzt).
Das Rennen ist nur eineinhalb Stunden von unserem Zuhause entfernt und die Topografie mit rund 2'000 Höhenmeter ist wie für mich gemacht. Ich kann am Knie nichts Schlimmes kaputt machen, wenn ich belaste, aber sehr wahrscheinlich würde ich Schmerzen haben.
Der Teamentscheid lautete: Wir geben dem Rennen eine Chance.

Die Startliste kam anfangs Rennwoche heraus und ich war gemessen am World Ranking eine der Favoritinnen. Aber wer stand auch auf dieser Liste? Niemand Geringeres als die Olympionikin Petra Kurikova, welche zehn Kilometer in unter 35 Minuten rennt.

In der Wettkampfwoche habe ich meine Routine gemacht, wie ich das vor jedem Rennen tue. Aber die Motivation blieb aus.
Und trotzdem stand ich letztlich da – an der Startlinie.

Wir habe unsere Familie gebeten nicht zu kommen, ein regionales Medienhaus hätte mich sogar begleitet. Aber ich wollte keinen Trubel, ich wollte nur Stille und diese Limite endlich abhaken.

Dann ging es los:
Die Profis starteten drei Meter vor den 500 Altersklassen Athleten, Männer und Frauen gemischt. Kurz nach dem Startschuss hatte ich das Gefühl von einer Herde überrollt zu werden und bekam Angst. Die Leute sind auf mich geschwommen und ich hätte am liebsten gestoppt. Aber ich sagte mir «du bist eine der besten Schwimmerinnen in diesem Feld, einfach weitermachen und du wirst sie abhängen.»
Genau das ist passiert und ich bin als zweite Frau aus dem Wasser gekommen, zwei Minuten schneller als letzte Saison. Sensationell, nicht?
Ja, aber … bereits dreizehn Prozent Abweichung zwischen mir und Petra Kurikova. Zum Glück wusste ich das dann nicht.

Ich war im Flow als ich aus dem Wasser kam und ich fühlte mich stark. Als ich die Wechselzone verlassen wollte, stand plötzlich ein Schiedsrichter vor mir und zeigte mir die gelbe Karte. Er hat mich, ohne die Zeit zu messen, angehalten, weil ich den Helm in den dafür vorgesehen Wechselbeutel gemacht habe. So wie es alle anderen auch taten und wie ich das an jedem Rennen tue. Diskutieren hilft in diesem Moment nichts.

Ich verlor das Momentum und wertvolle Zeit. Und erneut hätte ich am liebsten aufgehört. Es geht um Sekunden und er hat mich sicher eine halbe Minute zum Halt gezwungen.

Diese Wut habe ich versucht zu katalysieren «bleib positiv, heute ist es möglich, das ist deine Chance». Und so habe ich weitergemacht, 1600 Höhenmeter auf dem Rad über rund 80km und ich habe daran gedacht «wenn ich ins Ziel komme, dann werde ich auf jeden Fall einen Protest dagegen einlegen. Aber dafür muss ich finishen.»

Im Halbmarathon habe ich mich super gefühlt. Seit Monaten fühlte ich mich nicht mehr so. Ich hatte keine Knieschmerzen?! Und jedes Mal, wenn ein negativer Gedanke aufkam, habe ich mir gesagt «bleib positiv, bleib positiv». Sven stand auf der zweiten Runde am Streckenrand: Zu diesem Zeitpunkt war ich mehr als vier Stunden im Rennen. Er rief mir zu «Du musst 45 Sekunden auf Petra aufholen in den nächsten 10km.»

Ramon verfolgte das Rennen die ganze Zeit und hat immer wieder gerechnet, wie viel Prozent sind es?

«45 Sekunden … du kannst das, heute ist es möglich, es ist möglich.» Das waren meine Gedanken, als ich bereits über 50 Minuten gerannt bin, einen Durchschnittspuls von 175 Schlägen/ Minute hatte und meine Körperkerntemperatur auf 39.5 Grad anstieg.

Und.. endlich war sie da - die Ziellinie!

Natürlich habe ich direkt nach meinem Zieleinlauf einen Protest eingelegt. Der Schiedsrichter versuchte mich zunächst kleinzureden. Aber ich stand für mich ein und so wurden zumindest 30 Sekunden abgezogen.

Was ist mit den 10%?
Nun, ich war 9 Minuten schneller als vergangenes Jahr, lief im Schnitt schneller mit 300 Höhenmeter als auf der flachen WM-Strecke zwei Wochen zuvor.
Und - ich war 9.5% langsamer als Petra Kurikova.

Endlich ist dieser Druck weg!
Endlich darf mein Fokus wieder auf anderen Dingen im Rennen liegen.
Danke an mein Team, dass wir diese Chance ergriffen haben!


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*Um eine Profi-Lizenz des Schweizer Triathlon Verbands zu erhalten, darf der Unterschied zwischen meiner Rennzeit und der Siegerzeit in einem Elitefeld maximal zehn Prozent betragen. Diese Zehnprozent Limite muss ich jedes Jahr erfüllen und es stehen mehrere internationale Rennen zur Auswahl.

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