Träume

«The more you dream, the farther you get.» (Michael Phelps)

Lange habe ich davon geträumt, an einer Elite WM an der Startlinie stehen zu dürfen und nun durfte ich es erleben. In den Tagen vor dem Wettkampf kam die Nervosität wellenartig und ich hatte Respekt vor dem Schmerz, den ich im Wettkampf spüren würde. Durch meine Erfahrung wusste ich, wie es sich in etwa anfühlen würde und konnte abschätzen, welches Schwierigkeitslevel am Wettkampftag auf mich zukommt. Ich erwartete einen harten Tag und ein schnelles Rennen. Doch solange man kämpfen kann und im Rennen dabei ist, macht es trotz des Schmerzes auf eine seltsame Weise Spass.

Als ich an die Startlinie lief, war ich ruhig und ich wollte, dass es losgeht. Mutig bin ich losgeschwommen, die Kälte des Wassers war plötzlich kein Problem. In den ersten 50m war ich an 4. Position. Normalerweise kann ich mich sehr gut im Feld positionieren. Doch ich spürte sehr schnell, dass diese Geschwindigkeit exorbitant hoch war und ich dringend in den Wasserschatten meiner Konkurrentinnen kommen musste. Dafür versuchte ich mich in die Gruppe einzugliedern und dies war aufgrund des hohen Tempos anspruchsvoll. Innert weniger Sekunden lag ich im hinteren Drittel. Das ist ein Gefühl, welches ich nicht so gut kenne. Aber es war kein taktischer Fehler, sondern ich war physiologisch schwächer und das ist okay. Denn trotz all dieser Herausforderungen bin ich eine persönliche Bestleistung (PB) geschwommen. Aber - an diesen Moment werde ich mich erinnern und es als Motivation nutzen, um weiter gut zu trainieren und stärker zu werden.

Auf dem Weg in die Wechselzone konnte eine Konkurrentin ihren Wetsuit nicht öffnen, weil ihre Finger zu kalt waren. Ich bin sehr kompetitiv und hätte mich jemand vor dem Rennen gefragt, hätte ich dies verneint. Doch in dem Moment habe ich ohne Nachzudenken gestoppt und ihr den Reissverschluss geöffnet.

Die Radstrecke war eine weitere Herausforderung, denn ich wollte unbedingt mit anderen Athletinnen mitfahren. Die finnische Athletin Minttu, welche hinter mir aus dem Wasser kam, sauste an mir vorbei und trotz grossem Effort über 10 Minuten war es mir unmöglich an ihr dranzubleiben. Davon liess ich mich nicht entmutigen. Plan A zog mit Minttu weg, so ging ich auf Plan B über. Mein bestes Time Trial zu zeigen und bei etwa Kilometer 75 wurde ich von einer Konkurrentin erneut aufgeholt. Die zweite Chance, um dranzubleiben dachte ich mir. Und so habe ich nach etwa 1h 45min Renndauer versucht einen weiteren Gang zu finden. Für etwa 10km konnte ich mitfahren, doch auch dann musste ich abreissen lassen. Die andere Frau war einfach stärker. Noch immer war ich motiviert, denn ich wusste für mich ist es eine super Leistung. Die 90km bin ich in 2h 20min gefahren und am Tag zuvor haben wir besprochen, dass dies an einem sehr guten Tag möglich sein könnte. Erneut habe ich eine PB aufgestellt.

Danach ging es auf den Halbmarathon und ich wusste, dass die Hitze viele zum Einbruch bringen würde und sah darin meine Chance. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt wusste, dass ich mich eher im hinteren Feld bewegte.

Auf der ersten Runde orientierte ich mich nach vorne, versuchte aufzuholen und positiv zu bleiben. Doch dann krampfte mein Oberschenkelmuskel – genau dort, wo ich zwei Wochen zuvor Cortison injiziert bekommen hatte. Er zog zu und löste Schmerzen im Knie aus. Dabei war der Schmerz doch weg gewesen, auch in den Tapertrainings hatte ich nichts gespürt. Das kam unerwartet und wenig später kullerten die Tränen. In diesem Moment entglitt mir meine Wunschperformance aus den Händen.

Aus der Orientierung nach vorne, wechselte ich den Fokus nach hinten. Die schwammige Antwort meines Mannes am Streckenrand, wie der Abstand aussehe, liess mich vermuten, dass ich an letzter Position war und auf Nachdruck bestätigte er dies.

Meine Gefühle in diesem Moment waren sehr intensiv – Wut, Trauer, Schmerz, Stress, Scham. Aber dann erinnerte ich mich an einen Satz meiner Sportpsychologin. Emotionen kommen im Sport auf jeden Fall, aber wie du dann entscheidest, hast du in der Hand. Deswegen bin ich weitergelaufen. Nicht so schnell ich mir vorgenommen habe, aber noch immer zügig, bis ich an der Ziellinie meiner ersten WM angekommen bin.

Was lerne ich aus diesem Rennen?

Im Sport spielt Routine eine grosse Rolle und die braucht es, wenn man Leistung erbringen möchte. Doch um zu lernen, liegt ein Teil häufig ausserhalb der Komfortzone. Wenn man sich getraut die eigene Komfortzone zu verlassen, so gibt man sich selbst die Möglichkeit stärker zu werden. Es gibt immer die Gefahr Fehler zu machen, dass andere Leute deine Leistung bemängeln oder dass du deine eigenen Erwartungen nicht erreichst. Aber wenn du es nicht versuchst, wirst du definitiv scheitern.

Zwei Tage nach dem Wettkampf stand ich wieder im Unterrichtszimmer und ich versuche die jungen Leute zu unterstützen, damit sie sich getrauen Fehler zu machen und zu lernen. Auch wenn, alle meiner Konkurrentinnen nur einen Job haben – Athletin sein – so bin ich dankbar für meine Chancen und werde weiter träumen.

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Das erste Mal an einer WM